In Würde zu sich stehen,
Doku

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2. Stigmatisierungserleben psychisch erkrankter Menschen

Diplomarbeit, 2006

105 Seiten

Meike Johannssen (Autor:in)

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist unter einer psychischen Erkrankung zu verstehen?
2.1. Merkmale der Schizophrenie
2.1.1. Symptome und Formen der Schizophrenie
2.1.2. Entstehungs- und Verlaufsbedingungen der Schizophrenie

3. Stigma und Stigmatisierung
3.1. Stigmatisierungen als Generalisierungen
3.2. Diskreditiert und Diskreditierbar

4. Theoretische Hintergrundannahmen
4.1. Entstehung und Durchsetzung von Stigmatisierungen
4.2. Funktionen von Stigmatisierungen
4.3. Stigma als soziales Konstrukt: Vorurteile und Stereotype
4.4 Der Stigmatisierungsprozess

5. Geschichte der Psychiatrie und psychischer Krankheiten
5.1. Jahrhunderte der Ausgrenzung
5.2. Die Psychiatrie-Enquete

6. Das Bild des psychisch Kranken in der Öffentlichkeit
6.1. Das Bedürfnis nach sozialer Distanz
6.2. Mögliche Einflussfaktoren
6.2.1. Der Einfluss der Medien
6.2.2. Schizophrenie als Metapher
6.2.3. Die Darstellung von psychisch Kranken und Psychiatrie in den Medien
6.3. Die Attentate auf Politiker und die Folgen
6.3.1. Die tatsächliche Bedrohung durch psychisch Kranke

7. Stigma und Identität
7.1. Die Stigma-Identitäts-These
7.2. Die Sozialisation zum Stigmatisierten
7.2.1. Der Etikettierungsansatz nach Scheff
7.2.2. Der modifizierte Etikettierungsansatz nach Link
7.3. Subjektives Stigmatisierungserleben psychisch Kranker
7.4. Selbststigmatisierung
7.5. Subjektives Krankheitsbewusstsein

8. Folgen von Stigmatisierungen
8.1. Die Ebene der sozialen Interaktion: Das soziale Netzwerk
8.1.1. Die Angehörigen
8.2. Die Ebene der gesellschaftlichen Teilhabe
8.2.1. Die berufliche Situation
8.3. Lebensqualität

9. Bewältigungsmöglichkeiten
9.1. Empowerment
9.1.1. Empowerment in der psychosozialen Praxis
9.2. Netzwerkinterventionen
9.2.1. Die Angehörigenhilfe
9.3. Internationale, nationale und regionale Antistigmakampagnen
9.3.1. Praxisbeispiel: Entstigmatisierungskampagnen an Schulen
9.3.2. Praxisbeispiel: Schulungen von Polizisten

10. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Psychisch erkrankt zu sein ist in unserer Gesellschaft mit negativen Vorurteilen behaftet. Das Stigma „psychische Krankheit“ wird zum alles bestimmenden Merkmal, hinter dem das Individuum verschwindet. Psychische Krankheit ist ein Tabuthema, über das häufig nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Als Folge der negativen Vorurteile leiden psychisch Kranke so stark wie kaum eine andere Minderheit unter Stigmatisierungen und Diskriminierungen. Sie sind somit einer doppelten Belastung ausgesetzt. Erstens müssen sie lernen, mit ihren Symptomen zu leben und diese in ihr Selbstbild zu integrieren. Zweitens müssen sie lernen, mit den Stigmatisierungen und Diskriminierungen im Alltag und in der Psychiatrie umzugehen. Hinzu kommt, dass viele selber mit den Vorurteilen gegenüber psychisch Kranken aufgewachsen sind. Auf solche Weise sozialisiert, erwarten sie stigmatisierendes Verhalten ihrer Umwelt und wenden die Vorurteile unter Umständen gegen sich selber.

Während meiner Praktikumszeit in einer Tagesklinik für Psychiatrie und Psychotherapie wurde ich von vielen Freunden und Bekannten gefragt, wie ich das denn aushalten würde; und dass es ja wohl sehr schwer sein müsse, dort zu arbeiten. Auch äußerten viele die Befürchtung, dass ich sie jetzt mit „psychiatrischen Augen“ betrachten würde und eine psychische Erkrankung bei ihnen entdecken könnte. Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, wie groß die Angst vor psychisch Kranken, der Psychiatrie und den eigenen „abweichenden Anteilen“ sein kann.

Dass Stigmatisierungen einen Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben können, fand in den letzten Jahren immer mehr Beachtung in psychiatrischer Fachliteratur. Angermeyer spricht in diesem Zusammenhang sogar von einem „Boom der Stigmaforschung“.[1]

In Deutschland ist Schizophrenie das Innbild von psychischen Erkrankungen, und gleichzeitig ist Schizophrenie die Krankheit, die mit den negativsten Vorurteilen besetzt ist. Aus diesem Grund beziehen sich die meisten Stigmaforschungen auf das Krankheitsbild der Schizophrenie. In meiner Arbeit werde ich ebenfalls den Schwerpunkt auf die Stigmatisierung schizophren Erkrankter legen.

Die vorliegende Arbeit wird insbesondere der Frage nachgehen, wie psychische Krankheit und Stigmatisierungen subjektiv erlebt werden. Das subjektive Stigmatisierungserleben ist davon geprägt, wie Stigmatisierungen tatsächlich erfahren werden, und was für Stigmatisierungen von den Betroffenen erwartet werden. Eine zentrale Frage dabei lautet, inwiefern die negativen Vorurteile und Stigmatisierungen Auswirkungen auf das Selbstbild des psychisch Kranken haben. Leider gibt es zu den Fragen des subjektiven Stigmatisierungserlebens, der Selbststigmatisierung und der individuellen Möglichkeiten zur Bewältigung bisher nur sehr wenige Veröffentlichungen. Die Stigmaforschung der letzten Jahrzehnte hat sich hauptsächlich mit der Frage beschäftigt, ob psychische Erkrankungen überhaupt mit negativen Vorurteilen besetzt sind. Während Goffman sich in seinem Werk „Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität.“ schon 1963 mit der subjektiven Bewältigung von Stigmatisierungen befasste, wurde dieses Thema danach über viele Jahre ignoriert.

Zu Beginn der vorliegenden Arbeit werden verschiedene Definitionen der Begriffe psychische Krankheit, Schizophrenie, Stigma und Stigmatisierung erläutert.

Dem folgen verschiedene Theorien, die zu erklären versuchen warum es überall auf der Welt negative Vorurteile gibt. Anhand der Geschichte wird gezeigt, dass es Vorurteile gegenüber psychisch Kranken in Mitteleuropa (fast) immer gab. Nur vor diesem Hintergrund ist es möglich, die Situation psychisch Kranker zu verstehen und wirkungsvolle Programme zur Entstigmatisierung zu entwickeln.

Um die Situation psychisch Kranker zu verstehen, wird in dem Folgenden die Einstellung der Allgemeinbevölkerung zu psychisch Kranken und das Ausmaß der sozialen Distanz mithilfe renommierter Studien, dargelegt.

Welche Auswirkungen die Stigmatisierungen auf das stigmatisierte Individuum haben können, zeigen das siebte und achte Kapitel. In dem siebten Kapitel steht das Individuum im Mittelpunkt, welche Strategien es entwickelt um mit Stigmatisierungen umzugehen und wie sich diese auf das Selbstbild auswirken können. Im achten Kapitel geht es um die Folgen von Stigmatisierungen auf den Ebenen der sozialen Interaktionen und der Teilhabe an der Gesellschaft.

Abschließend werden verschiedene Bewältigungsmöglichkeiten vorgestellt.

Die „Nicht-Stigmatisierten“ werde ich im Folgenden als die Normalen bezeichnen. Zur besseren Lesbarkeit werde ich mich auf die männlichen Formen beschränken, und möchte die Leser bitten, in Gedanken die weibliche Form mit einzubeziehen.

2. Was ist unter einer psychischen Erkrankung zu verstehen?

Eine Definition für psychische Erkrankungen zu finden ist nicht einfach. Die Frage, was ein psychisch Kranker ist, ist ähnlich schwer zu beantworten, wie die Frage, was denn ein Mensch wäre.

Sehr treffend ist die Definition von Dörner et al., die psychisch Kranke als Menschen betrachtet, die bei der Lösung ihrer Probleme in einer Sackgasse gelandet sind, aus der sie nicht mehr heraus wissen und dadurch in eine Krise geraten. Für den psychisch Kranken ist das Bedürfnis, Nicht-Erklärbares zu erklären zu groß und zu schmerzhaft geworden, und damit sind sein Schutzbedürfnis und seine Verletzbarkeit gestiegen. Das Ergebnis wird Krankheit, Kränkung, Störung, Leiden oder Abweichung genannt. Das Wort Kränkung kann körperlich und seelisch interpretiert werden, als Kränkung des Körpers, der Beziehungen und des Selbst. Genauso vielseitig ist der Begriff der Störung. Jemand kann eine Störung haben, gestört werden, sich selber stören oder andere stören.[2]

Das Ersetzen von Begriffen wie „verrückt“ oder „irre“ durch den Begriff der Krankheit half anfangs, diese behandeln zu können. Sie wurden damit aus dem Bereich des Mysthischen herausgehoben. Krankheiten sind Störungen im Lebenslauf, die mit einer Herabsetzung der Leistungsfähigkeit einhergehen. Eine Krankheit kann akut und/oder chronisch verlaufen. Es werden bestimmte Symptome diagnostiziert, woraufhin eine Diagnose gestellt wird. Diese ermöglicht eine zielgerichtete Behandlung und damit eine Vorhersagbarkeit des Verlaufes.

Wenn der Aspekt der Beziehung mitbetrachtet wird, kann nicht mehr von einem einzelnen Krankheitsträger gesprochen werden, sondern es muss das Umfeld mit einbezogen werden. „ Die Suche nach den kranken Anteilen in einem Menschen wird zur Suche nach den derzeitigen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, eine Beziehung zu sich, zu anderen oder zur Umwelt aufzunehmen.“[3] Krank ist ein Mensch, doch das bedeutet nicht, dass die Umwelt nicht dazu beiträgt, so und nicht anders zu sein.

Der Begriff der psychischen Erkrankung wird vor allem in der Psychiatrie benutzt, wo die Menschen auch als Patienten bezeichnet werden, und mit diesen Begriffen geht automatisch auch ein heilen wollen einher. Durch den Begriff der Krankheit wird sie zu einem objektiven Begriff, er kann davon abhalten die Person mit der psychischen Erkrankung in ihrem So-Sein zu akzeptieren.

Nüesch plädiert in ihrem Buch für den Gebrauch des Terminus „psychische Behinderung“, vor allem wegen der sozialen Dimension dieses Begriffs. Behinderung wird im Gegensatz zur Krankheit als eine dauerhafte und sichtbare Abweichung gesehen. Wobei der Begriff der Abweichung kritisch zu hinterfragen ist, da er eine Norm voraussetzt. So ist es theoretisch möglich, dass eine Behinderung als Zuschreibungsprozess von außen entsteht, ohne dass ein objektiver Grund vorliegt. Ein Mensch gilt als behindert, wenn eine Abweichung von der Norm vorliegt und dieses von der sozialen Umwelt als negativ gewertet wird. Auch wenn die Behinderung zeitlich begrenzt ist, bleibt doch das Stigma an dieser Person haften, so dass sie auch nach der Genesung als behindert betrachtet wird.[4]

https://www.grin.com/document/110455

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